17. Oktober 2018

Ausbildung zum Werker

„Auch Menschen mit Handicap eine Perspektive bieten“

Ausbildung zum Werker als Chance für behinderte Menschen.

Bernte. Bereits seit acht Jahren bildet Landwirt Norbert Hüsing jetzt schon junge Menschen zum Werker aus. In diesem Jahr ist der 17-jährige Michail Alfert aus Heek neu auf dem Schweine-Betrieb der Familie Hüsing angefangen. „Mir macht die Arbeit mit jungen Menschen sehr viel Spaß und ich finde es toll, wenn ich auch Menschen mit Handicap im Leben weiterhelfen kann“, so Norbert Hüsing. Eine Perspektive bieten, genau darum gehe es bei der Ausbildung zum Werker – besonders für lernschwache Jugendliche. „Die jungen Menschen, die eine Ausbildung zum Werker beginnen, haben meist ein Handicap, sei es eine Lernschwäche oder eine andere Behinderung. Sie würden die Ausbildung zum Landwirt meist nicht schaffen. Mit der Ausbildung zum Werker können sie dennoch in die Arbeitswelt integriert werden“, lobt Hüsing die Ausbildung zum Werker. Auch Michail fühlt sich in der Berufswelt, auf dem Betrieb der Familie Hüsing, sehr wohl. „Ich habe es nicht bereut die Ausbildung zum Werker angefangen zu haben. Es ist sehr abwechslungsreich und es macht mir sehr viel Spaß“, berichtet der Auszubildende. Er habe wieder neue Motivation geschöpft, denn vielleicht kann er sogar doch noch eine richtige Ausbildung zum Landwirt anknüpfen nach der Werkerausbildung.     
Durch seine Nachbarin hat Landwirt Hüsing Kontakt zum Christophorus Werk in Lingen aufbauen können und so den Grundstein gelegt für die Werkerausbildung auf seinem Betrieb. Zum Auswahlverfahren für die Ausbildung bei Norbert Hüsing gehört auch ein 3-4-wöchiges Praktikum. „Die Chemie muss einfach stimmen. Ich nehme mir für den Auszubildenden zum Werker mehr Zeit, um Dinge zu erklären und zu zeigen, da muss man sich einfach auch gut verstehen“, beschreibt Hüsing. Auch könnte Norbert Hüsing die zukünftigen Auszubildenden nach dem Praktikum besser einschätzen, welche Aufgaben später in der Ausbildung erledigt werden könnten. Sehr wichtig sei aber vor allem das Elternhaus. Das müsse auch hinter der Ausbildung der Kinder stehen und diese befürworten. Das mache Vieles einfacher.        
Den Beruf Werker noch mehr ins Bewusstsein der Landwirte zu rücken, findet er sehr gut. Die Landwirte, die sich dieser Herausforderung stellen möchten, sollten aber auch ehrlich hinterfragen, ob sie diese Arbeit leisten können. „Die Landwirte müssen sehr geduldig und ruhig sein. Sie müssen Spaß an der Arbeit mit jungen Menschen haben und dürfen nicht immer alles auf die Goldwaage legen, auch wenn mal etwas im Betrieb schiefläuft. Sie müssen immer Ruhe bewahren – auch in stressigen Situationen. Druck kann unter Umständen kontraproduktiv für den Auszubildenden sein“, erklärt Hüsing. Außerdem gebe er den Tipp als Ausbildungsbetrieb auch ein gutes Verhältnis zu den Berufsschulen aufzubauen, denn nur so kann die Ausbildung ganzheitlich betrachtet werden. Außerdem erhält der Betriebsleiter einen Überblick über die schulischen Leistungen des Auszubildenden und kann ggf. mit dem Auszubildenden schwierige Themen gemeinsam angehen.

 

Hier sind noch einmal alle wichtigen Informationen zur Ausbildung zum Werker zusammengefasst: 

Zielgruppe

  • Ausbildung Werker in der Landwirtschaft für junge Menschen gedacht, die aufgrund der Art und Schwere ihrer Behinderung die Anforderungen im regulären Ausbildungsberuf Landwirt/Landwirtin voraussichtlich nicht erfüllen werden
  • naturverbundene Menschen
  • Menschen, die gerne mit Tieren, Pflanzen und Maschinen arbeiten
  • Menschen, die einfache, regelmäßig wiederkehrende Aufgaben zuverlässig ausführen können

Keine Voll-Ausbildung
Qualifizierung zum Werker in der Landwirtschaft ist keine Voll-Ausbildung wie berufliche Ausbildung zum Landwirt, sondern eine Reha-Maßnahme

Agenturen für Arbeit:

  • finanzieren die Maßnahme
  • finanzieren bei Bedarf Unterbringung angehender Werker in Internaten der
        außerlandwirtschaftlichen Ausbildungsstätten
  • finanzieren ein Taschengeld für angehende Werker

Ziele der Ausbildung
Abschluss und anschließend eine Beschäftigung im 1. Arbeitsmarkt

Angehende Werker in der Landwirtschaft

  • haben in den meisten Fällen eine Lernbehinderung
  • eigenen sich für Tätigkeiten z.B. in Milchviehbetrieben und auch Schweine
        haltenden Betrieben
  • eignen sich eher nicht für Beschäftigung in hochspezialisierten Betrieben
        (z.B. hochspezialisierte Ackerbaubetriebe)

Voraussetzung

  • Werker-Ausbildung nur für Menschen mit Behinderung möglich
  • Psychologischer Dienst der regionalen Agentur für Arbeit stellt vor Ausbildungsbeginn fest:

§  Art und Schwere der Behinderung

§  Reha-Bedarf

  • Werker-Ausbildung ist nicht möglich für junge Menschen ohne Behinderung (schwache Schülerinnen und Schüler)

Rechtlicher Rahmen

  • Zuständige Stelle: LWK Niedersachsen

§  Ausbildungsberater der LWK sind bis zur Abschlussprüfung zuständig für die Werker-Azubis

§  Ausbildungsregelung ist abgeleitet von § 66 Berufsbildungsgesetz (BBiG)

  • Dauer der Ausbildung: 3 Jahre
  • Ausbildungsinhalte orientieren sich an Inhalten der regulären landwirtschaftlichen Ausbildung
  • Ausbildung ist angesichts der vielfältig vorliegenden Behinderungen stark praxisorientiert
  • Vermittlung theoretischer Hintergründe auf deutlich niedrigerem Niveau
  • Abschlussprüfung: teilreduzierte theoretische Prüfung und praktische Prüfung
  • Bei Bedarf Hinzuziehung von Ärzten und Psychologen

Inhalte betrieblicher Teil der Ausbildung

  • Praktische Ausbildung erfolgt in Niedersachsen in der Regel in einem landwirtschaftlichen Ausbildungsbetrieb
  • Inhalte der Ausbildung:

§  Ausbildungsbetrieb, betriebliche Zusammenhänge und Beziehungen

z.B. Aufbau und Organisation des Ausbildungsbetriebes

z.B. Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit

z.B. Umweltschutz und Landschaftspflege

§  Techniken und Organisation der betrieblichen Arbeit, Produktion und Vermarktung

z.B. Mitwirken bei Lagerhaltung, Vorratswirtschaft

z.B. Aufbereitung und Verkauf von landwirtschaftlichen Erzeugnissen

§  Pflanzenproduktion

z.B. Bearbeiten und Pflegen des Bodens

z.B. Bestellen und Pflegen von Pflanzen

§  Tierproduktion

z.B. versorgen von Tieren

z.B. tiergerechtes Halten von Tieren

  • Ausbildung soll im Bereich der Pflanzenproduktion und Tierhaltung jeweils in zwei Betriebszweigen stattfinden

§  z. B. Getreidebau oder Grünland und Milchviehhaltung oder Schweinemast

Ausbildungsnachweis

  • Werker/innen in der Landwirtschaft haben einen Ausbildungsnachweis in Form eines Berichtsheftes zu führen
  • Ausbildungsbetrieb hat Azubis bei der Berichtsheftführung zu unterstützen

Schulischer Teil der Ausbildung

  • Schulische Ausbildung Werker in der Landwirtschaft erfolgt in Berufsschule oder in außerlandwirtschaftlichen Ausbildungsstätten
  • Berufsschulunterricht erfolgt niveauangepasst
  • Erlass Nds. Kultusministerium vom Winter 2017/18 zur Umsetzung der Inklusion:
    Ab Sommer 2018 erfolgt die schulische Ausbildung der Werker in regulären Berufsschulklassen der Landwirte. Bei Bedarf dürfen separate Werker-Klassen eingerichtet werden.
  • Bis Sommer 2018 galt keine Inklusion:
    Schulische Bildung der Werker erfolgte ausschließlich in separaten Werker-Klassen

Ausbildungsstätten und Ausbilder/innen

  • Ausbildung erfolgt in besonders dafür geeigneten und anerkannten Ausbildungsstätten:

§  Ausbildungsbetriebe oder außerbetriebliche Ausbildungsstätten

§  Anerkennung der Ausbildungsbetriebe oder außerbetrieblichen Ausbildungsstätten und Feststellung der Eignung der Ausbilder/innen an strenge Qualitätsstandards und Auflagen gebunden

§  außerlandwirtschaftliche Ausbildungsstätten kooperieren in Niedersachsen in der Regel mit landwirtschaftlichen Ausbildungsbetrieben (sogenannte Kooperationsbetriebe)

§  landwirtschaftliche Ausbilder benötigen pädagogische Zusatzqualifikation (80 Stunden) für die Werker-Ausbildung

§  Niedersachsen: Praktische Ausbildung Werker erfolgt in der Regel in landwirtschaftlichen Ausbildungsbetrieben (Kooperationsbetrieben)

§  für landwirtschaftliche Betriebe entstehen keine Kosten

§  sozialpädagogische Betreuung ist zu gewährleisten. In Niedersachsen in der Regel über die außerbetrieblichen Ausbildungsstätten.

§  sozialpädagogische Betreuung umfasst z.B. Hilfestellung bei Problemen, ergänzender Stütz- oder Förderunterricht,

§  bei Bedarf sind Ärzte und Psychologen hinzuzuziehen. Darum kümmern sich in Niedersachsen in der Regel diejenigen, die die sozialpädagogische Betreuung ausüben.

Wie geht es nach dem Abschluss weiter für die Werker?

  • Ausbildungsstätten…

§  … sind verpflichtet, sich um die Integration der Werker in den
    1. Arbeitsmarkt zu kümmern

§  … suchen vor Ort passenden landwirtschaftlichen Betrieb

§  … vermitteln Praktika bei potentiellen Arbeitgebern in der Landwirtschaft

  • Werker haben in der Regel T-Führerschein
  • Welche Betriebe beschäftigen Werker?

§  Betriebe, in denen übers Jahr regelmäßig wiederkehrende Aufgaben anfallen, z.B. Befüllen von Futtermischwagen und Füttern von Milchkühen und Nachzucht (ohne Berechnung der Rationen)

  • Einigen wenigen Werkern gelingt es, eine Vollausbildung zum Landwirt anzuschließen (Verkürzung der Ausbildungszeit auf 2 Jahre)

Entwicklung der Ausbildungszahlen „Werker in der Landwirtschaft“ in Niedersachsen

  • Start der Werker-Ausbildung in der Landwirtschaft: 2005
  • seither stetig steigende Zahlen
  • 2008: 15 Personen (in allen 3 Ausbildungsjahren)
  • 2017: 77 Personen (in allen 3 Ausbildungsjahren)

Beispiele in Niedersachsen (Auswahl)

§  seit Jahren werden jährlich ca. 6 Werker in der Landwirtschaft ausgebildet

§  angehende Werker kommen aus ganz Niedersachsen und aus anderen Bundesländern, v.a. NRW und Hessen

§  Unterbringung: Internat des Christophorus-Werks

§  sozialpädagogische Betreuung: Christophorus-Werk

§  Christophorus-Werk als Mittler zwischen allen Beteiligten

§  praktische Ausbildung: tagsüber auf landwirtschaftlichen Kooperationsbetrieben in der Region

§  Werker gehen nach der Ausbildung in der Regel wieder in ihre Heimat

§  Vermittlung an landwirtschaftliche Betriebe nach der Ausbildung in der Heimat läuft sehr gut

  • Evangelische Jugendhilfe Osnabrück (Diakoniewerk Osnabrück)